Die Nacht von Samhain

Der Kampf um den heiligen Bund der Kelten

Faltin Thomas
Buchcover

 

Kommen Sie mit in meine magische Welt

- Eine kleine Einführung ins Buch -

 

 

Ragnar, der letzte Luchs

Es geschehen seltsame Dinge im beinahe unberührten Heiligental. Wilderer stellen den letzten Luchsen im Tal nach und töten manche von ihnen. Der Bürgermeister des nahen Städtchens Auen, Karl Zoller, will einen Staudamm bauen und das obere Tal fluten – Energieerzeugung und Tourismus seien die Zukunft für Auen, sagt Zoller. Und seit einiger Zeit ist der Förster Erik Weigand, der seinen Wald über alles geliebt hat, krank und nimmt die Ereignisse teilnahmslos hin.

 

Weigands Söhne Arthur und Julius dagegen wollen für die Luchse und für den Wald kämpfen – sie streifen auf eigene Faust nachts durch den Wald auf der Suche nach den Wilderern, und sie wagen es schließlich sogar, die Pläne des Bürgermeisters zu durchkreuzen.

 

Dabei bekommen sie unerwartete Hilfe. Ragnar, der letzte überlebende Luchs im Heiligental, gibt sich Arthur zu erkennen und bietet ihm seine Freundschaft an. Von ihm erfahren Arthur und Julius, was der Hintergrund für Karl Zollers Vernichtungseifer ist. Vor langer Zeit, etwa um 800 vor Christus, hatten die damaligen Menschen – es waren die ersten Kelten – mit den Tieren und den Pflanzen im Tal einen heiligen Bund geschlossen: Sie hielten zusammen und sorgten gemeinsam dafür, dass die Schöpfung bewahrt blieb; sie lebten im Einklang mit der Natur, und im Gegenzug bot der Bund allen Frieden und Glück. Als Zeichen des Bundes waren drei Figuren in Form eines Menschen, eines Luchses und einer Linde geschaffen worden, die zusammen eine vollkommene kleine Statue ergeben. Doch der Bund war nach einiger Zeit zerbrochen, und Menschen, Tiere und Pflanzen haben ihre Figur zurückgenommen und versteckt. Seitdem herrscht Krieg. Niemand weiß mehr, ob es diese Figuren überhaupt noch gibt und wenn ja, wo sie zu finden wären.

 

Die drei Figuren

Nur die Menschenfigur ist nun wieder aufgetaucht – und sie befindet sich in den Händen Karl Zollers, der mit ihrer Macht seine ganz persönlichen Interessen durchzusetzen versucht.

 

Die Kinder, Ragnar sowie einige weitere Tiere und Menschen schließen sich zusammen. Als Zoller die Gefährten zu verfolgen beginnt, müssen diese zu ihrem Schutz in den Wald fliehen, wo sie sich an der Habichtshöhle einrichten. Der Wald wird ihr neues Zuhause – sie werden zu Waldläufern. Ihr Ziel ist nun klar: Um das Heiligental zu retten, müssen sie Karl Zoller die Figur abjagen – oder sie müssen die beiden anderen Figuren finden. Dabei erhalten sie neue Unterstützung: von der Kräuterfrau Ursula, die in einer kleinen Hütte am Albtrauf lebt; oder von Bruder Rupert, einem Kartäusermönch des nahen Klosters, der Experte ist in vorchristlicher Religiosität. Denn dass das Wissen über die religiöse Welt der Kelten ihnen weiterhelfen kann bei der Suche nach den Figuren, das wird den Gefährten spätestens klar, als sie in einem der alten Bücher der Klosterbibliothek eine seltsame Prophezeiung finden. Darin hat der Schreiber schon vor hunderten von Jahren vorhergesagt, dass ein Herr des Feuers eine Wand aus flüssigem Stein errichten werde, doch dass dessen Gegner eine Macht besäßen, von der diese selbst nichts wüssten.

 

Keltische Krieger

Als Karl Zoller erfährt, dass seine Pläne gefährdet sind, will er seine Feinde ein für allemal zu vernichten. In einem Ritual ruft er keltische Krieger aus der Vergangenheit herbei und stellt ein kleines Heer auf. Die Krieger sind lebende Tote; sie leben nur aus der Glut, die sie in einem kleinen Kästchen am Gürtel tragen – und sie sind doch Menschen mit einem persönlichen Schicksal. Der Kampf der Gefährten scheint nun aussichtslos zu sein, zumal Zoller sich anschickt, einen riesigen Waldbrand zu entfachen, um die Gefährten aus dem Wald zu vertreiben. Und Erik wird immer schwächer. Arthur und Julius ist klar, dass ihr Vater bald sterben wird, wenn sie nicht schnell etwas unternehmen. Doch all das ist erst der Auftakt zu einem großen Abenteuer, in dem Dinge geschehen, die niemand je für möglich gehalten hätte…

 

Zwei Hauptthemen

Die Nacht von Samhain“ ist zunächst eine – hoffentlich spannende – Abenteuergeschichte für Kinder und Jugendliche ab frühestens zehn Jahren. Diese Geschichte soll zunächst für sich funktionieren. Im Unterstrom des Textes gibt es aber eine Art Metaebene mit zwei Hauptthemen, die eng ineinander verwoben sind. Zum einen ist der Wald die eigentliche Hauptperson des Buches. Es geht letztlich um die Bewahrung der Schöpfung in unserer heutigen Zeit, in der die moderne Welt diese Schöpfung in ihrer Existenz bedroht. Es geht konkret um die Frage, was jeder von uns dazu beizutragen bereit ist, um die Natur zu schützen.

 

Zum anderen wird im Buch ein Tor in die Welt der Kelten im deutschen Südwesten aufgestoßen. Vor allem greift „Die Nacht von Samhain“ das in der Geschichtswissenschaft noch immer nicht gelöste Rätsel auf, warum die Kelten etwa um 50 vor Christus im deutschen Südwesten und in der heutigen Schweiz „ausgestorben“ sind. Der Historiker spricht für diese Zeit von der „Helvetier-Einöde“. Mehrere Möglichkeiten werden diskutiert: die "Nachbeben" des Gallischen Krieges könnten bis in unserem Raum spürbar gewesen sein; eine kleine Eiszeit machte Landwirtschaft unmöglich; auch eine Epidemie oder kriegerische Auseinandersetzungen könnten die Ursache gewesen sein. Jedenfalls, als die Römer einige Jahrzehnte später in den Südwesten vorstießen, fanden sie eine weitgehend verlassene Gegend vor. Das Buch bietet dafür – eine allerdings rein fiktionale – Lösung. Die Kelten stehen aber auch als Sinnbild für ein Leben des Menschen im Einklang mit der Natur; insofern hängen die beiden Hauptthemen eng zusammen.

 

Wirkliche und magische Welt

Da es sich also um sehr reale Fragen handelt, die unterschwellig im Buch abgehandelt werden, beginnt „Die Nacht von Samhain“ in der ganz realen Welt, und zwar in der Jetztzeit. Immer stärker aber verlassen die Protagonisten diese Welt, und zwar in doppeltem Sinn: Erstens ziehen sie sich aus der Zivilisation in die Natur zurück; und zweitens gibt es einen fließenden Übergang von der wirklichen in die magische Welt.

 

Zu dieser realen Verankerung trägt auch bei, dass „Die Nacht von Samhain“ sich trotz der irrealen Geschichte nach Möglichkeit an historischen Fakten und an echtem Naturwissen orientiert. Fast alles, was im Buch geschildert wird – von den Waldbeeren, die man essen kann, bis hin zu den Göttern der Kelten – ist recherchiert und stimmt mit der Wirklichkeit überein. Der Leser erfährt en passant deshalb sehr viel über das „Biotop Wald“ und über die Kultur der Kelten. Aus diesem Grund besitzt das Buch, was für einen Roman unüblich ist, ein Literaturverzeichnis, in dem die verwendete Fachliteratur aufgeführt ist. Wer mehr wissen will, kann später zu diesen Büchern greifen.

 

Zur realen Anbindung gehört auch der Ort, an dem das Buch spielt. Es ist in der Gegend um Owen unterhalb der Burg Teck (im Landkreis Esslingen, südlich von Stuttgart) angesiedelt; das Heiligental ist dem Lenninger Tal nachempfunden. Die Abbruchkante der Schwäbischen Alb, der sogenannte Albtrauf, spielt mit seiner einzigartigen Schönheit eine wichtige Rolle im Buch. Auch historische Orte, wie das keltische Oppidum Riusiava auf der Albhochfläche rund um Grabenstetten, tauchen auf. Wie man auf der dem Buch beigefügten Karte des Heiligentales aber sehen kann, ist die Gegend stark verfremdet. Die meisten Orte wurden umbenannt (die Habichtshöhle ist der Falkensteiner Höhle nachempfunden), wieder andere Orte wurden an andere Stellen verlegt (Riusiava liegt im Buch auf dem Gipfelplateau der Burg Teck). Die Anbindung an die Wirklichkeit war also auch in den geografischen Gegebenheiten beabsichtigt; der Leser soll einen bekannten real existierenden Zugang haben. Zugleich sollte aber auch eine eigene losgelöste idealisierte Welt entstehen.

 

Ein All-Age-Buch

Daneben gibt es im Buch immer wieder Diskussionen zwischen den Protagonisten, wie der Kampf um das Heiligental weitergeführt werden soll. Ist es zulässig, die Baufahrzeuge zu zerstören, um den Bau des Staudamms zu verzögern? Ist es also erlaubt, Böses zu tun, wenn man für das vermeintlich Gute kämpft? Sind die keltischen Krieger mit ihrem Glutkästchen Menschen, deren Leben unantastbar ist – oder sind sie nur Geister, die man auslöschen darf? Und ist es überhaupt möglich, in einen gerechten Krieg zu ziehen und dabei seinen moralischen Überzeugungen treu zu bleiben? Das Buch versucht, immer wieder innezuhalten und über die Bedeutung von Werten nachzudenken, ohne dabei zu akademisch oder zu philosophisch zu werden. Dies ist deshalb kein Buch, bei dem die „Guten“ alle Abenteuer unbeschadet überstehen. Hierin unterscheidet sich „Heiligensee“ von vielen anderen Jugendbüchern, in denen doch alles irgendwie klar in Gut und Böse unterschieden ist und in denen letztlich alles gut ausgeht.

 

Bei meinen Lesungen habe ich immer wieder gemerkt, dass sehr viele Erwachsene das Buch mit Genuss lesen. Obwohl ich beim Schreiben an Jugendliche dachte, muss ich nun feststellen, dass ein Buch für alle Lebensalter entstanden ist, an dem Jugendliche und Erwachsene Spaß haben und das sie mit Gewinn lesen.